//Bill

„Warum tust du das, hä?“ Es war tatsächlich Tom, und er fiel gleich mit der Tür ins Haus. „Warum ritzt du dir die Arme auf? Bist du bescheuert? Nur Psychopathen ritzen sich so heftig!“ Ich biss mir auf die Unterlippe. Er hatte also mein Geheimnis herausgefunden. Niemand wusste, dass ich das tat, nicht einmal Gustav und Georg. Und jetzt wusste es mein schlimmster Feind. Aber ich hatte im Moment echt größere Probleme, schließlich war ich hier mit einem Irren in einem Haus. Ich brauchte Hilfe, und Tom musste wissen, wie mir zu helfen war, schließlich war dies sein Vater. „Tom?“, begann ich. Doch er ließ mich nicht ausreden und meckerte gleich weiter. „Nee, Frau Holle! Also, was ist los? Was ist in dich gefahren?“ Erst die Prügel von seinem Vater, jetzt seine Vorwürfe. Das war zu viel für mich. Ich begann zu weinen, schluchzte laut ins Handy, bis ich meine Stimme wiederfand. „Tom? Tom, bitte hilf mir! Ich will hier weg! Bitte!“ Plötzlich hörte ich einen Schlüssel im Türschloss und Toms Vater trat ein. „Was geht denn hier ab? Du Wichser telefonierst? Ich glaub, es hackt!“ Er riss mir das Handy aus der Hand und warf es gegen die Wand. Es zersprang in mehrere Teile. Der Kerl packte mich am T-Shirt und zog mich hoch, bevor ich eine Ohrfeige bekam. „Du Dreckskind! Das hatte ich doch schon aus dir rausgetrieben, oder?“ Er zog mich aus der kleinen Kammer, direkt nach oben in ein Schlafzimmer. Dort schleuderte er mich aufs Bett und prügelte auf mich ein. Er schlug mich grün und blau, überall am ganzen Körper. Blut floss, nach kurzer Zeit war die Bettdecke rot gefärbt. Doch viel bekam ich nicht mehr mit, denn ich wurde ohnmächtig und wanderte im Dunkeln umher.

//Tom

Shit, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht! Jeden Freitag musste ich zu meinem Vater. Meine Eltern waren geschieden, Dad lebte außerhalb der Stadt und Mum fuhr mich jeden Freitag hin, um mich dann am Sonntag wieder abzuholen. Er schlug mich, das war wohl sein größtes und einziges Hobby. Er hat mich schon immer gehasst, hat das Mum gegenüber nur nie gezeigt. Und ich musste darüber schweigen, durfte niemandem erzählen, dass er mich schlug, da er drohte, mich dann umzubringen. Bill hatte also mein Geheimnis herausgefunden. Niemand wusste, dass ich geschlagen wurde, nicht einmal Gustav und Georg. Und jetzt wusste es mein schlimmster Feind. Doch bevor ich weiter überlegen konnte, hörte ich eine Männerstimme im Hintergrund des Telefons. „Was geht denn hier ab? Du Wichser telefonierst? Ich glaub, es hackt!“ Dann war die Verbindung weg. Dad. Dad hatte Bill erwischt, wie er telefonierte. Ich ahnte schlimmes, hatte inzwischen Angst um Bill. Und ich konnte mir nur zu gut vorstellen, was jetzt passierte. Doch das konnte ich nicht zulassen. Ich musste zu ihm. Ich wusste sehr wohl, dass die Fahrt dahin mit dem Auto eine halbe Stunde dauerte, aber das war mir egal. Ich rannte nach draußen, fand in einer Garage ein Fahrrad, schwang mich darauf und düste los, wie von der Tarantel gestochen. Ich war nie der Sportfreak gewesen, im Gegenteil, war total unsportlich, aber so schnell bin ich noch nie Fahrrad gefahren. Nach einer Stunde erreichte ich endlich das Haus meines Vaters, ließ das Rad auf die Auffahrt fallen und wollte gerade das Haus betreten, als ich stockte. Wenn Dad mich jetzt sah, hätte ich mit Sicherheit keine Chance gegen ihn und Bill würde ich dann damit auch nicht retten können. Also schlich ich vorsichtig zum Wohnzimmerfenster und blickte hinein. Dad saß dort und schaute fern, die Hände blutig. Mein Herz setzte einen Schlag lang aus und ich hoffte, dass Bill nicht zu viel passiert war. Wo konnte er nur sein? Wenn nicht im Wohnzimmer, dann im Schlafzimmer. Dort wurde ich immer verprügelt. Ich schlich ums Haus. Leider war Dads Schlafzimmer im ersten Stock, doch ich ließ mich nicht aufhalten. Ich griff nach der Regenrinne und zog mich daran herauf, bis ich ins Zimmer blicken konnte. Bill lag auf dem Bett, rührte sich nicht. Ich klopfte ans Fenster, hoffend, dass er mich hörte.

//Bill

Ich wusste nicht, wie lange ich bewusstlos war, aber als ich wieder wach wurde, klopfte es an die Scheibe. Zuerst nahm ich das Geräusch gar nicht war, doch als ich mich zur Seite drehte, entdeckte ich mich am Fenster. Wie konnte das sein? Aber dann fiel es mir wieder ein. Tom und ich hatten ja unsere Körper getauscht. Unter Schmerzen stand ich auf und wankte zum Fenster, öffnete es und Tom sprang herein. Ich brach zusammen und Tom fing mich auf, legte mich sanft zurück aufs Bett. „Bist du schwer verletzt?“ fragte er mich, doch ich schüttelte den Kopf. „Nein, geht schon wieder. Wieso hast du nicht erzählt, was du für einen Vater hast?“ Tom schaute betroffen zu Boden und ich merkte, wie unangenehm ihm das alles war. Schon bereute ich meine Frage wieder, doch er antwortete mir tatsächlich. „Weil... weil er mich sonst töten wird. Zumindest sagt er das.“ Ich schaute ihn mit offenem Mund an. Meinte er das ernst? Doch bevor ich noch irgendwie reagieren konnte, schaute er mich an, direkt in die Augen. „Bill, ich befürchte, du bist in ernsten Schwierigkeiten. Wenn Dad herausbekommt, dass du Bescheid weißt, dann sind wir geliefert!“ Ich nickte, das war mir inzwischen auch schon bewusst. „Wir müssen hier weg.“ schlussfolgerte ich und Tom stimmte mir zu. „Ja, aber wie? Du bist zu schwach, um an Regenrinnen entlangzuklettern.“ Da hatte er wohl Recht. Aber ich wollte noch nicht aufgeben. „Wie wäre es, wenn wir uns einfach in einem günstigen Moment an ihm vorbeischleichen?“ Er nickte. „Ja, das ist wohl die beste Idee. Warte, ich sehe nach.“ Tom ging durch die Tür und schlich leise die Stufen hinunter. Ich schloss erschöpft die Augen, bis ich plötzlich einen Schrei hörte. Und der kam eindeutig von Tom!

//Tom

Bill drehte sich leicht zu mir, Richtung Fenster. Mir purzelte eine Lawine Wackersteine vom Herzen, als mir klar wurde, dass er noch lebte. Er zögerte, schien gerade erstmal richtig wach zu werden, dann ging er vorsichtig zum Fenster und ließ mich herein. Gerade noch rechtzeitig sah ich, dass er zusammenbrach, und so konnte ich ihn noch auffangen und zurück aufs Bett legen. Ihm ging es wirklich extrem schlecht und wir mussten so schnell wie möglich hier raus! „Bist du schwer verletzt?“ fragte ich ihn besorgt, denn ich wusste ja, wie unberechenbar mein Vater war. Er schüttelte den Kopf. „Nein, geht schon wieder. Wieso hast du nicht erzählt, was du für einen Vater hast?“ Ich blickte zu Boden und biss mir auf die Unterlippe. „Weil... weil er mich sonst töten wird. Zumindest sagt er das.“ Er blickte mich geschockt an, und nach einiger Zeit erwiderte ich seinen Blick, schaute in seine braunen Augen. „Bill, ich befürchte, du bist in ernsten Schwierigkeiten. Wenn Dad herausbekommt, dass du Bescheid weißt, dann sind wir geliefert!“ Er nickte und antwortete mir dann. „Wir müssen hier weg.“ „Ja, aber wie? Du bist zu schwach, um an Regenrinnen entlangzuklettern.“ Er überlegte kurz, meinte dann: „Wie wäre es, wenn wir uns einfach in einem günstigen Moment an ihm vorbeischleichen?“ Nun zögerte ich, aber es schien wohl die beste Lösung zu sein, was anderes blieb uns wohl kaum übrig. Also nickte ich. „Ja, das ist wohl die beste Idee. Warte, ich sehe nach.“ Ich ging durch die Tür und stieg die Stufen hinunter. Kaum war ich unten auf dem Teppich angelangt, stand Dad hinter mir, er kam gerade aus der Küche. „Was willst du denn hier, du kleiner Pisser? Willst wohl einbrechen, was? Na warte!“ Ich schrie auf, begann zu rennen, doch er folgte mir. Wohin? Komm schon Tom, denk nach! Ich rannte ins Wohnzimmer, hinter den großen Glastisch. Er lachte. „So Kleiner, nun sitzt du wie ein Hase in der Falle!“ Denkste, dachte ich, stieß den Tisch nach vorne und er zersprang in tausende Teile. Vorher fiel er jedoch meinem Dad auf den Fuß, sodass er laut aufschrie und durch das Zimmer hüpfte. Diese Gelegenheit nutzte ich und rannte erneut die Treppe hoch, wollte mich mit Bill im Schlafzimmer einschließen, doch als ich dort ankam, war Bill weg. Wo war er hin?

//Bill

Tom war in Gefahr, er wurde von diesem Irren gejagt! Ich wollte ihm helfen, aber wie hätte ich das schon anfangen können, ich war schließlich viel zu schwach. Dann bekam ich einen Einfall. Ich raffte mich schwerfällig auf und zog mich auf den Flur hinaus, als ich plötzlich etwas klirren hörte. Es klang, als würde Glas auf den Boden fallen und zerspringen. Nun war ich noch mehr in Eile. Ich kroch ins Badezimmer, was direkt neben dem Schlafzimmer lag und suchte in einem Kosmetikschränkchen nach Rasierwasser. Ich wusste – wenn ich ihm das in die Augen schütten würde, wäre er erstmal außer Gefecht gesetzt. Ich steckte die Flasche in meine Hosentasche, als ich wieder einen Schrei hörte, aber diesmal aus dem Schlafzimmer. Dann hörte ich Toms Vater. „Tom, du Wichser! Komm sofort raus, egal, wo du bist! Wenn nicht ist deine kleine Freundin tot!“ Freundin? Ach ja, er hielt mich wahrscheinlich auch für ein Mädchen. Ich hörte das Klicken eines Pistolenhahns, dann Tom. „Bleib wo du bist, versteck dich!“ Ein stumpfer Schlag, dann eine Männerstimme. „Halt’s Maul, sonst erschieß ich dich!“ Der Kerl meinte das wirklich ernst. Ich hatte Angst, aber ich wusste, dass das egal war, hier ging es um Toms Leben! Aber eigentlich ging es auch um mein Leben, schließlich war er in meinem Körper. Also konnte ich nun zwei Leben retten. Ich holte tief Luft, dann krabbelte ich aus dem Badezimmer und entdeckte die beiden schon auf dem Flur, der Kerl hielt Tom eine Waffe an den Kopf. Er lachte. „Ah, da bist du ja, du kleines Pennerkind!“

//Tom

Verdammt, er war doch nicht etwa… Ich lief zum Fenster. Nein, Bill war nicht aus dem Fenster gesprungen. Ich hatte schon öfters mit diesem Gedanken gespielt, ihn aber nie wahr gemacht. Als ich mich umdrehte, erblickte ich Dad. Er hatte eine Waffe in der Hand und steckte gerade drei Patronen herein. Ich schrie wieder auf, als er auf mich zustürzte und mich packte, um mir danach die Pistole an den Hals zu halten. Er lachte, dann rief er: „Tom, du Wichser! Komm sofort raus, egal, wo du bist! Wenn nicht ist deine kleine Freundin tot!“ Ich blickte ihn entrüstet an. Ich, der Weiberheld schlechthin, war bestimmt kein Mädchen! Bill sah zwar ziemlich weiblich aus, aber ein Mädchen war er nun auch wieder nicht. Dad ließ den Hahn der Waffe klicken, ich wusste, er meinte das ernst. Aber er durfte ihn nicht haben. „Bleib wo du bist, versteck dich!“, rief ich, darauf bedacht, nicht seinen Namen zu rufen, das hätte uns nur noch mehr Ärger bereitet. Er schlug mich mit der Pistole gegen den Kopf, sofort tropfte Blut daran herab. „Halt’s Maul, sonst erschieß ich dich!“, meinte Dad nur und ich blieb benommen in seinen Armen hängen. Ein paar Augenblicke später sah ich meinen Körper aus dem Badezimmer kriechen. Dad lachte wieder einmal. „Ah, da bist du ja, du kleines Pennerkind!“ Bill blickte uns geschockt an, hievte sich dann auf seine Beine. „Lass… ihn… los…“, brachte er mühsam hervor. „Ihn???“ Dad verstand die Welt nicht mehr. „Du willst mir weismachen, dass das hier ein Kerl ist?“ Er stieß mich nach vorne und ich landete neben Bill auf dem Teppich. „Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Ein Kerl, der sich schminkt und eine Mädchenfrisur hat! Los Tom, komm her!“ Bill lief ängstlich, aber sicher auf ihn zu. Dad griff in eine Schublade und holte eine Schere heraus, die er ihm dann in die Hand drückte. „Los, schneid dem Mädchen da die Haare, aber ein bisschen plötzlich!“

//Bill

Als ich Tom erblickte, setzte mein Herz erstmal einen Schlag lang aus. Hilflos hing er in den Armen seines Dads, tat mir Leid. Ich wollte ihn da rausholen, stand langsam auf. „Lass… ihn… los…“ „Ihn???“ Der Kerl glotzte mich an wie ein Auto. „Du willst mir weismachen, dass das hier ein Kerl ist?“ Er stieß Tom nach vorne und er landete neben mir auf dem Boden, blutete stark an der Stirn. „Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Ein Kerl, der sich schminkt und eine Mädchenfrisur hat! Los Tom, komm her!“ Mit zittrigen Beinen ging ich zu ihm, wollte dabei aber auf keinen Fall schwach wirken. Der Kerl öffnete eine Schublade, holte eine Schere raus und gab sie mir. „Los, schneid dem Mädchen da die Haare, aber ein bisschen plötzlich!“ Mir fiel die Kinnlade runter. Ich sollte mir meine eigenen Haare abschneiden? Soweit kommt das noch! Aber halt, nichts anmerken lassen. Ich gab Tom mit den Händen ein Zeichen, dass er herkommen solle. Er verstand, krabbelte dann vorsichtig auf mich zu. Ich bückte mich und setzte die Schere an, zeigte Toms Vater die Stelle. „Hier so?“ Er trat näher, um sich die Haare genauer anzuschauen, doch bevor er antworten konnte, spritzte ich ihm das bereits geöffnete Rasierwasser ins Gesicht. „Fuck!“ Er ließ die Pistole fallen und hielt sich das Gesicht. Blitzschnell packte ich Tom am Arm und zerrte ihn hinter mir her, nach unten zur Haustür. Zur Abwechslung hatten wir Glück und diese stand offen.

//Tom

Bill winkte mit seiner/meiner Hand in meine Richtung, bedeutete mir, zu ihm zu kommen. Ich nickte und ich schlich vorsichtig auf Bill zu, vertraute ihm inzwischen. Er beugte sich zu mir runter, setzte die Schere an. „Hier so?“ Ich schloss die Augen, hörte irgendwann meinen Vater schreien. „Fuck!“ Dann hörte ich etwas auf den Boden fallen, im nächsten Moment wurde ich auf die Beine gezerrt. Bill zog mich die Treppe runter, nach draußen. Dort setzte Bill sich auf das Fahrrad, mit dem ich hergekommen war, stieß mich auf den Gepäckträger. Ich begriff nur langsam, saß dann aber irgendwann richtig und Bill trat heftig in die Pedale. Er war sogar ziemlich schnell, dafür, dass er so stark verprügelt wurde. Vielleicht gab ihm aber auch einfach nur die Panik, dass Dad uns erwischen könnte, den nötigen Antrieb. Er fuhr direkt in den angrenzenden Wald. Hier war die Einfahrt für Autos verboten, da der Weg zu eng war. Selbst, wenn Dad uns bisher gefolgt war, waren wir hier vorerst in Sicherheit. Wäre er zu Fuß, hätten wir ihn längst abgehängt, mit dem Auto kam er ab hier nicht mehr vorwärts. Doch Bill raste weiter, machte erst an einem Fluss halt und wir ließen uns ins Gras fallen. Langsam taute ich wieder auf, beobachtete, wie Bill aus einer Tasche am Fahrrad ein Tuch hervorholte, es in dem Fluss nass machte und begann, es auf meine blutende Nase und meine blutende Stirn zu drücken. „Geht’s?“ Ich nickte, hielt das Tuch nun selber fest. „Danke!“ Er lächelte mich an, ich sah mein Piercing blitzen. Doch dann fiel mir wieder ein, warum ich Bill überhaupt angerufen hatte und weshalb ich eigentlich hier war. Ich tat den Lappen beiseite, streckte meine Arme beziehungsweise Bills Arme nach vorne und hielt ihm seine Narben direkt unter die Nase. „Kannst du mir das hier vielleicht erklären?“

//Bill

Ich traute meinen Augen nicht, als ich mein Fahrrad vor der Tür liegen sah. Noch mehr Glück, langsam wurde es unheimlich. Ich schwang mich auf den Sattel, Tom nahm auf dem Gepäckträger platz und ich düste los, so schnell es meine Verletzungen zuließen. Wir kamen heile, zumindest mehr oder weniger, in einem Wald an, was an ein Wunder grenzte, da ich mich mit meiner Baggy ständig in der Kette verfing. An einem Fluss stoppte ich, nahm ein Tuch aus meiner Fahrradtasche und hielt es an seine Nase und seinen Kopf, nachdem ich es in den Fluss getaucht hatte. „Geht’s?“ Ich lächelte als er sich bedankte, doch das verging mir schnell wieder, als er mir meine Arme entgegenstreckte und ich zu deutlich meine Narben erblickte. „Kannst du mir das hier vielleicht erklären?“ Ich blickte bestürzt zu Boden. „Was ist in dich gefahren? Hä? Du bist doch bescheuert, das ist doch nicht normal!“ Jetzt war ich wütend, sprang auf und stellte mich direkt vor ihn. „Ach ja? Das ist nicht normal? Aber deiner Meinung nach ist es normal, einen Vater zu haben, der einen regelmäßig einsperrt und verprügelt?“ Das hatte gesessen. Tom zog sich zurück, drehte sich um und stand auf, ich bekam ein schlechtes Gewissen. „Hey, bleib hier! Ich hab’s doch nicht so gemeint! Ich will dir doch helfen!“ Ich lief ihm hinterher, als er sich plötzlich umdrehte. Ich sah eine Träne auf seiner Wange. „Du kannst mir nicht helfen!“

//Tom

„Ach ja? Das ist nicht normal? Aber deiner Meinung nach ist es normal, einen Vater zu haben, der einen regelmäßig einsperrt und verprügelt?“ Damit hatte er mich getroffen, einen wunden Punkt erwischt. Ich wendete mich sofort ab, wollte nicht, dass Bill meine Tränen sah. Er rief mir etwas von wegen Hilfe hinterher, doch die brauchte ich nicht, schrie ihm das auch ins Gesicht. „Du kannst mir nicht helfen!“ Er nahm mich plötzlich in den Arm, wollte mich trösten und ich ließ meinen Tränen schließlich freien Lauf. Nach einiger Zeit merkte ich, dass Bill es mir nachtat. Wir hielten uns gegenseitig, heulten uns richtig aus. Irgendwann brach die Dämmerung herein, Zeit zu gehen. Wir beschlossen, zu Bill zu gehen, da meine Mum ja noch dachte, ich wäre bei Dad. Wir nahmen natürlich das Fahrrad, wechselten uns ab mit Fahren. Nach zwei Stunden kamen wir bei Bill an und gingen in sein Zimmer. Ich setzte mich aufs Bett, während der Schwarzhaarige etwas zu trinken holte. Ich legte mich hin, schloss die Augen und dachte nach. Wie konnten wir unsere Körper zurückbekommen? Weit kam ich nicht, Bill war wieder da. „Wir sind allein, meine Mum schläft bei einer Freundin.“ Ich setzte mich auf. „Und dein Dad?“ Sein Blick verdüsterte sich, war finster. Sofort bereute ich, dass ich ihn gefragt hatte. „Ich habe keinen Dad!“

//Bill

Ich nahm Tom in den Arm, begann auch zu weinen. Warum? Ich weiß es nicht, wahrscheinlich, weil ich so fertig war. Wir standen lange dort, doch irgendwann beschlossen wir, zu mir zu fahren. Dort hatte ich gerade etwas zu trinken geholt, als Tom nach meinem Vater fragte. Ich sah wohl ziemlich wütend aus, jedenfalls biss er sich beschämt auf die Unterlippe. „Ich habe keinen Dad!“, antwortete ich und legte mich neben ihn. Woher sollte er auch wissen, dass mein Dad meine Mum und mich direkt nach meiner Geburt verlassen hatte? Ich nahm ihm dies schon mein Leben lang übel, hatte ihn allerdings noch nie gesehen. Ich drehte mich auf die Seite, Tom hatte in der Zeit wohl denselben Gedanken, deshalb lagen wir jetzt hier nebeneinander im Bett und schauten uns schweigend tief in die Augen. In unsere eigenen Augen, schließlich waren wir immer noch im Körper des anderen. Tom lächelte mich an, ich sah mein Lächeln von vorne. In mir kribbelte alles, und ich wusste nicht, warum. Plötzlich kam Tom mir immer näher, unsere Lippen waren kaum noch auseinander. Ich lächelte zurück, doch gerade als Tom und ich die Augen schlossen, um uns zu küssen, wurden wir von einem Geräusch urplötzlich aus unseren Gedanken gerissen.

// Gustav

„Schorschi, ich hab was, komm mal her!“ Schon den ganzen Tag hatten Georg und ich nach einer Lösung für das Körpertauschproblem gesucht, hatten fast alle Internetseiten abgeklappert. Georg war sogar bei einem Wahrsager hier in Magdeburg gewesen, doch auch dieser konnte uns nicht helfen, hatte so ein Phänomen noch nie erlebt. Ich war bei google bereits auf Seite 110 mit dem Suchbegriff „Körpertausch“, hatte jede einzelne Homepage auf jeder einzelnen Seite abgesucht, aber nichts gefunden. Doch jetzt, auf Seite 110 beim vorletzten Artikel, glaubte ich, auf etwas Hilfreiches gestoßen zu sein. Georg trat an mich heran und gemeinsam lasen wir uns den Artikel durch, der die Überschrift „Harte, aber einzige Maßnahme bei Körpertausch“ hatte. Gebannt starrten wir auf den Monitor, waren gleichzeitig fertig mit Lesen. Ich schüttelte schockiert den Kopf. „Na toll! Wenn das wirklich die einzige Lösung ist, haben wir ein Problem… Das ist nämlich echt hart! Dazu kriegen wir die beiden niemals!“ Georg nickte zustimmend. „Ja, aber das ist die einzige Chance für die beiden, notfalls müssen wir sie zwingen.“ Ich nickte ebenfalls, dann griff ich zu meinem Telefon. „Ich sage ihnen Beschied!“ Eifrig wählte ich Bills Handynummer, wartete geduldig, bis er nach fünf Mal klingeln endlich abnahm. „Juschtel, was gibt’s? Habt ihr was herausgefunden?“ Ich schluckte, dann überbrachte ich ihm die schockierende Nachricht.

//Tom

Bill und ich lagen nebeneinander im Bett und ich lächelte ihn beständig an, fand es geil, mich selbst neben mir liegen zu sehen. Ich rutschte näher an Bill heran, wollte schon immer wissen, wie die Girls sich fühlten, wenn sie mich küssten. Bill schien nicht abgeneigt, lächelte schüchtern und schloss genießerisch die Augen. Oh Gott, der war doch jetzt wohl nicht etwa schwul? Das hätte mir gerade noch gefehlt! Gerade, als auch ich meine Augen schloss und ihn küssen wollte, störte uns ein komisches Piepen. Ich brauchte etwas, um zu verstehen, dass das ein Handy war. Bill schien es zu kennen, es war auch seins. Er griff nach dem Mobiltelefon, sah die Nummer auf dem Display und ging sofort neugierig ran. „Juschtel, was gibt’s? Habt ihr was herausgefunden?“ Gustav also, und ich hoffte, dass er eine Lösung hatte. Bills Gesichtsausdruck beziehungsweise meiner änderte sich von hoffnungsvoll zu schockiert, während er lauschte. „Verarsch mich nicht, Gusti! Ich find’ das absolut unlustig!“ Na toll, das klang absolut gar nicht gut… Bill nickte schließlich. „Okay, bis morgen dann!“ Er legte auf, dann legte er sich zurück neben mich. Ich schluckte. „Tom? Es gibt nur eine Lösung! Und die wird dir nicht gefallen!“ Er stand auf, verschob plötzlich das Bett, auf dem ich noch immer lag, und brachte es neben die Tür, bevor er eine Gabel aus der Küche holte und diese auf den Nachttisch legte, den er zurück neben das Bett und damit ebenfalls neben die Tür schob. Ich verstand die Welt nicht mehr. „Was denn, Bill? Was? Sag’s doch endlich!“

16.10.07 22:39

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